Afghanische Rückkehrer suchen Schutz in Kabul

Pul-i-Charkhi - Ein großer, blassgrüner Geldschrank steht im Haus von Rulhallah, das er kürzlich im Bezirk Pul-i-Charkhi östlich von Kabul, errichtet hat. Er zählt zu den Dingen, die Rulhallah aus Pakistan mitbrachte, als er 2008 voller Hoffnung auf ein neues Leben in Sicherheit und Würde aus dem erzwungenen Exil zurückkehrte.

Noch immer blickt er zuversichtlich in die Zukunft, allerdings nicht in seinem Heimatbezirk Tagab in der Zentralprovinz Kapisa. Ursprünglich kehrte er aus Pakistan dorthin zurück, floh jedoch nach nur fünf Monaten wegen der Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den Milizen nach Pul-i-Charkhi. Bei den Auseinandersetzungen wurden zwei seiner Verwandten getötet.

"Wir möchten hier bleiben, da wir keine Hoffnung haben, dass sich die Sicherheitslage in unserem Heimatdorf verbessern wird", berichtet Rulhallah den Besuchern von UNHCR. Dieses Gefühl teilt er mit vielen anderen, auch mit rückkehrenden Flüchtlingen, die erneut vor Konflikten in ihren Heimatregionen fliehen mussten und in der Umgebung um die afghanische Hauptstadt Schutz suchen.

Einige von ihnen haben kurzerhand Siedlungen auf regierungseigenem Land gebildet, wie die etwa 200 Familien (rund 1.500 Menschen) in Pul-i-Charkhi. Von einer unbekannten Anzahl anderer wird angenommen, dass sie bei Verwandten oder anderswo zur Miete untergekommen sind.

UNHCR beobachtet die Situation und stellt Hilfsgüter zur Verfügung. Dabei hat UNHCR rund 2.300 vertriebene Zivilisten im Gebiet um Kabul und in Pul-i-Charkhi identifiziert.

Es gibt die Gefahr, dass sich zwischen den Binnenvertriebenen und der ortsansässigen Bevölkerungen Spannungen entwickeln. In Pul-i-Charkhi waren die örtlichen Landbesitzer bereits vor fünf Jahren, als die ersten Binnenvertriebenen aus Tagab ankamen, mit der Situation unzufrieden und forderten die Neuankömmlinge auf,

wieder zu gehen. Im Laufe der Zeit haben sich immer mehr Menschen der Gruppe aus Tagab und anderen Gebieten angeschlossen.

Gespräche, die UNHCR zwischen den Ältesten und den Behörden initiierte, ermöglichten es, dass die Binnenvertriebenen toleriert, jedoch nicht offiziell gebilligt werden. Von Rechts wegen dürften sie also dort nicht blieben. Gleichwohl haben

viele, wie Rulhallah, ihrer Ersparnisse aus der Zeit in Pakistan in ihre neuen Häuser investiert.

Das Haus von Rulhallah teilen sich seine Frau und ihre sieben Kinder mit seinem Bruder und seinem Onkel. Sie verfügen über Elektrizität und frisches Trinkwasser.

Die Siedlung, in der sie leben, entstand 2004, als die ersten Gruppen afghanischer Zivilisten aus Tagab eintrafen. Die Sicherheitslage hatte sich verschlechtert, die Schulen waren routinemäßig geschlossen und es gab nur wenige wirtschaftliche Möglichkeiten.

Die meisten von ihnen waren im selben Jahr aus dem New Shamshatoo Camp in Pakistan nach Afghanistan zurückgekehrt. "Damals sahen die Dinge in Afghanistan viel besser aus und wir dachten, es würde in Tagab mehr Entwicklung und eine größere Sicherheit geben", berichtet einer der Älteren, Wazir Mohammed.

Inzwischen sind er und die anderen aus Tagab ein weiteres Mal entwurzelt worden und ein Teil der großen städtischen Ansiedlungen in Afghanistan geworden. Dort leben die gewaltsam Vertriebenen zusammen mit den anderen, die aus wirtschaftlichen Gründen flohen. Die Bevölkerung der Hauptstadt ist in den letzten Jahren auf geschätzte 4.5 Millionen gestiegen. 2001 waren es noch 1.5 Millionen.

"Die Muster der Binnvertreibung werden in Afghanistan komplizierter. In den Städten ist es sehr schwer zwischen Binnenvertriebenen, armen Landmigranten und den städtischen Armen zu unterscheiden", sagt der UNHCR-Repräsentant in Kabul, Ewen Macleod. "Das Hauptaugenmerk der Unterstützung von UNHCR richtet sich auf diejenigen, die gewaltsam durch einen Konflikt vertrieben wurden. Aber auch immer, wenn dringende humanitäre Bedürfnisse in gemischten Gruppen aus Binnenvertriebenen, Migranten und Obdachlosen bestehen, versuchen wir andere Organisationen zum Eingreifen zu ermuntern."

Unterdessen investieren die Binnenvertriebenen in Pul-i-Charkhi weiterhin in ihre neuen Häuser und glauben an eine Zukunft. "Wenn wir in unsere Heimatorte zurückkehren, werden wir kein würdevolles Leben führen können", sagt der Ältere Said Khassim und fügt hinzu, dass die Mehrheit der Siedlungskinder die Schule besucht. "Wir wollen nicht, dass unsere Kinder von den Milizen instrumentalisiert werden. Wir wollen, dass sie ausgebildet werden, damit sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Zumindest haben sie hier den Zugang zu Bildungseinrichtungen."

Dankbar für die Unterstützung durch UNHCR bemerken er und die anderen Älteren, dass die Menschen ihrer Gemeinde ihr Bestes geben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Viele der Binnenvertriebenen arbeiten die ganze Woche als Tagelöhner auf dem nahegelgenen Basar.

Rulhallah hat anspruchsvollere Pläne. Er zeigt den Besuchern von UNHCR einen winzigen Raum der mit Autoteilen aus Pakistan voll gepackt ist. Er beabsichtigt, einen kleinen Handel aufzuziehen. Bereits in den letzten Jahren seines Exils bestritt er damit seinen Lebensunterhalt. "In Pakistan habe ich ein einfaches kleines Haus gebaut und eine Menge investiert, obwohl ich wusste, dass die pakistanische Regierung mich eines Tages zur Rückkehr zwingen würde. Dies ist meine Heimat. Und dies ist mein Land und das sind meine Investitionen. Ich bin zuversichtlich, dass die Regierung uns gestatten wird zu bleiben", sagt Rulhallah.


Veröffentlicht am: 09.02.2010